Martin Glaus, „Ausfahrt“, 1950.
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Lorusso, Scirocco

Geboren: 23.3.1907 (?), Monteleone di Puglia
Gestorben: 1929 (?), Rio Jauaperí (?), Brasilien

Sohn italienischer Einwanderer. Der Vater Gaudenzio, aus Neapel gebürtig, kam um 1893 in die Schweiz und liess sich als Maurer am Zürichsee nieder. 1904 fand er beim Bau des Rickentunnels Arbeit und erwarb später das Schweizer Bürgerrecht. 1907 heiratete er seine Cousine Immacolata Santoro. Scirocco war das erste von sieben Kindern, er kam als Frühgeburt am Hochzeitstag seiner Eltern zur Welt. Den Vornamen Scirocco wählte die Mutter zur Erinnerung an ihre windgeplagte Heimat. 1910 eröffnete der Vater in Ziegelbrücke GL/SG eine Pizzeria, möglicherweise die erste nördlich der Alpen. Sie stiess bei den Einheimischen auf wenig Interesse, und als die Ersparnisse aufgebraucht waren, arbeitete der Vater als Melkknecht bei Bauern in der Linthebene. Einen Teil seines Lohns erhielt er in Form von Milch, die er zu Ricotta verarbeitete und an ein Feinkostgeschäft in Zürich verkaufte. Der Erlös ernährte die wachsende Familie nicht, und der Vater ergab sich dem Trunk. Es heisst, die Gemeindebehörden hätten die Familie zur Auswanderung gedrängt. 1913 trafen die Lorusso in der brasilianischen Hafenstadt Santos ein, wo der Vater als Stauer auf Kaffeeschiffen arbeitete. 1921 zog er mit der mittlerweilen neunköpfigen Familie in den Bundesstaat Mato Grosso, wo er sich als Kleinbauer und Bauarbeiter durchschlug. Der junge Scirocco fand im Internat der Salesianer in Cuiabá Unterschlupf. Unter den Mitschülern waren auch Indios, deren Denk- und Lebensweise Lorusso zunehmend faszinierten. Einer der Lehrer, Pater Improvável, war Amateurfotograf; von ihm erlernte Lorusso das fotografische Handwerk. Nach einem mehrwöchigen Aufenthalt im Dorf seines besten Freundes, eines Bororo-Indio, reifte in Lorusso der Plan, das Leben der Indios in Amazonien fotografisch zu dokumentieren. Mit 16 Jahren und ausgerüstet mit einer handlichen Boxkamera, die ihm Pater Improvável überliess, machte sich Lorusso auf nach Amazonien. Am Anfang seiner Reisen, so weiss man auf Grund seiner Tagebücher, kreuzte Lorusso den Weg des britischen Abenteurers Percy Fawcett, der 1925 auf der Suche nach einer imaginären Stadt im Dschungel spurlos verschwand. Lorusso war sechs Jahre in Amazonien unterwegs. Er kehrte mehrere Male nach Cuiabá zurück, wo er mit Gelegenheitsarbeiten ein wenig Geld verdiente und in Pater Improvávels Fotolabor Vergrösserungen seiner Fotos herstellte. 1928 begegnete Lorusso in Manaus einem Beamten der Indianerschutzbehörde SPI (Serviço de Proteção aos Índios). Dieser erzählte ihm von den Waimiri-Atroari, einem Indianervolk am Rio Jauaperí im Norden Brasiliens, das durch Jäger, Fischer, Kautschuksammler und militärische Expeditionen in eigentlichen Massakern dezimiert worden war. Lorusso machte sich auf zum Rio Jauaperí. Seine Tagebucheinträge brechen ab im Moment, als er das Siedlungsgebiet der Waimiri-Atroari erreichte. Drei Jahre später erhielt Pater Improvável ein Paket. Absender war ein Missionar, der sich bei den Waimiri-Atroari aufgehalten hatte. Das Paket enthielt vier Rollfilme, Lorussos letztes Tagebuch sowie das Hochzeitsfoto seiner Eltern. Das kurze Leben und die Familiengeschichte von Scirocco Lorusso wurden von Pater Improvável auf Grund von sechs Tagebüchern – eines für jedes Jahr von Lorussos Reisen – nachgezeichnet. Diese Tagebücher gingen in den 1940er Jahren bei einem Brand in der Salesianerschule in Cuiabá verloren. Man nimmt an, dass auch alle 877 Fotografien, über die Lorusso akribisch Buch führte und zu denen er lange Texte verfasste, den Flammen zum Opfer fielen.

EINZELPUBLIKATIONEN
«Noticias sobre Scirocco Lorusso e sua familia, baseadas nos diários do mesmo Lorusso, compilado por P. Improvável Barbosa, SDB», Imprensa do Colégio Salesiano São Gonçalo, Cuiabá 1934.

SAMMELPUBLIKATIONEN
Veríssimo Visor, «Pioneiros fictícios da fotografia etnográfica brasileira», Tipografia do Rio Branco, Boa Vista 1961; Ana Paula Guimarães Dúvida, «Alguns capítulos de fotografia imaginária», Edições Quem Sabe, Bom Fim 1969.

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