Gebrüder Taeschler, Atelierstudie, St. Gallen, 1876

Foto: Céline Brunko

FIRMENSCHRIFT
Das Fotobuch im Dienst von Industrie und Gewerbe

23. Februar bis 2. Juni

Fotobibliothek
in der Passage

Spätestens seit der Londoner Weltausstellung 1851 avancierte die Fotografie nicht nur zum Industrieprodukt, sondern wurde auch als industrielles Dokumentationsmittel genutzt. In den Folgejahrzehnten etablierte sich die fotografische Abbildung zunehmend als gängige Praxis unternehmerischer Selbstdarstellung. Nicht zuletzt in Firmenschriften, die meist zu besonderen Anlässen wie Jubiläen erstellt wurden und dem Unternehmen Würde und Dauerhaftigkeit verleihen sollten. Mit der fotografischen Illustration dieser Publikationen erhofften sich Betriebe, nicht nur das Firmen-Image zu modernisieren, sondern auch ihre Positionierung auf dem Markt zu stärken. In kleinen Auflagen, drucktechnisch und buchbinderisch hochwertig gefertigt, wurden die Firmenschriften im Eigenverlag produziert und oftmals als Geschenke verteilt. Die verwendeten fotografischen Motive variieren dabei zwischen ästhetisch aufgeladenen Abbildungen des vertriebenen Produkts bis hin zu Einblicken in die Produktionsstätten und den Arbeitsalltag der Mitarbeiter_innen.

Die seitens der Unternehmen beauftragten Fotografen_innen arbeiteten nach festen Vorgaben und konnten nur selten eigene Ideen in die Bildgestaltung einbringen. Mit der fortschreitenden Industrialisierung veränderten sich  Themen und Aufgaben der Firmenschriften und zugleich  eröffneten sich den Fotografen_innen und Grafiker_innen neue Freiräume:  Ab den 1920er Jahren setzte sich die experimentelle Bildsprache des Neuen Sehens mit ihren gewagten Perspektiven und Ausschnitten sowie dem Gestaltungsmittel der Fotomontage durch. Parallel wurde aber auch der nüchterne, dokumentarische Stil der Neuen Sachlichkeit zelebriert. Die Fotograf_innen waren nicht mehr nur als Handwerker_innen für das Unternehmen tätig und wurden immer häufiger namentlich genannt. Je künstlerischer die Firmenschriften umgesetzt wurden, desto mehr dienten sie dazu, eine Corporate Identity im Sinne eines für das Unternehmen spezifisch zugeschnittenen Designs zu spiegeln. Im Kontext des Wirtschaftswunders ab den 1950er Jahren entstanden unzählige Firmenschriften, in denen die modernsten Konsumartikel und Produktionsabläufe – nun mitunter sogar in Farbe – inszeniert und zugleich das Traditionsbewusstsein der Firma hervorgehoben wurde. Spätestens in den 2000er Jahren begann sich die Repräsentation grosser Unternehmen jedoch zunehmend in anderen, neueren Medien zu kanalisieren.

Die aufwendig gestalteten und ausgestatteten Firmenschriften können als wirtschafts- wie kulturhistorische Zeugnisse gelesen werden – und sind zudem als sammelwürdige Objekte der Foto(buch)geschichte zu begreifen. Anhand einer vergleichenden Analyse dieses Genres wird einerseits die Entwicklung und Nutzung neuer Produkte sichtbar, andererseits aber auch die Verbesserung der mechanischen Reproduktion fotografischer Vorlagen und die sich wandelnde fotografische Bildsprache. So wird nicht nur Firmen-, sondern auch Mediumsgeschichte erfahrbar.
Kuratiert von Céline Brunko und Matthias Gabi, Fotobibliothek.

Pressemitteilung

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