Hans Staub, Murmelspiel, um 1933.

Joël Tettamanti, Local Studies

28. Februar bis 17. Mai 2009

   

Aus der Studie "Qaqortoq", Grönland 2004
© Joël Tettamanti

Aus der Studie "Niseko",
Japan 2004
© Joël Tettamanti

Aus der Studie "Feuer",
Schweiz 2005
© Joël Tettamanti

Kein Ort ist mir zuwider. Nicht einmal, wenn ich in Luxemburg ein Kernkraftwerk fotografiere. Ich finde an solchen Orten stets etwas, das interessant ist, vielleicht unwirklich. (JT)

Joël Tettamanti, geboren 1977 in Kamerun, aufgewachsen in Lesotho und der Schweiz, ist ein  moderner Reisefotograf. Wie viele vor ihm reist er an bekannte und unbekannte Orte in allen Weltteilen, jedoch ohne vorgängig tiefschürfende Recherchen anzustellen und ohne je einen Reiseführer zu konsultieren. Es genügt ihm zu wissen, auf welchem Weg man die entlegenen Destinationen erreicht. Allein auf sich gestellt, folgt Tettamanti dann beim Fotografieren keinem vorgefassten Konzept. Er arbeitet intuitiv und lässt sich vom Zufall und unvorhersehbaren Begegnungen zu stillen, einprägsamen Farbbildern inspirieren. Er vermeidet bereits Bekanntes und zur Genüge Gesehenes und ist offen für das Finden von Bildern, die etwas von der Identität der Orte, wie er sie unvoreingenommen erlebt, erfassen. In gewissen Gegenden, wie etwa in Island («Where is my giant?», 2008), wird das Fotografieren für Tettamanti zu einem eigentlichen Kampf gegen eine überwältigend schöne, über-mächtige Landschaft, von der man scheinbar alles gesehen hat, um zu einem unspektakulären und vielleicht doch irgendwie typischen Landschaftsbild zu kommen.

Joël Tettamanti absolvierte von 1997 bis 2001 ein Studium der visuellen Kommunikation und der Fotografie an der Ecole Cantonale d'Art Lausanne (ECAL). In seinen ersten eigenständigen Arbeiten befasste er sich mit der Landschaft in den Schweizer Bergen («Cols alpins», 2001) und den Agglomerationen des Mittellandes («Stadtland Schweiz», 2002). Danach ermöglichten ihm vor allem Aufträge für Zeitschriften wie Hochparterre, Das Magazin oder Wallpaper das Reisen an ferne Orte, an denen er sich jedoch nach langen Flügen oft nur kurze Zeit aufhält. Tettamanti liebt den Jetlag: das Gefühl, zur Unzeit an einem Ort aufzuwachen, an dem man innerlich noch nicht wirklich angekommen ist. So gelangt er auf eine fast traumwandlerische Art immer wieder in unbelebte und ungenutzte Gebiete, die im dämmrigen Licht an der Grenze zwischen Tag und Nacht ihre wahren Reize preisgeben. Überhaupt interessieren Tettamanti Übergänge und Grenzen wie die Alpenpässe, aber auch Landesgrenzen («Ondarribi», Frankreich und Spanien, 2003), weil sie gleichzeitig fliessend und einschliessend sind, weil sie Identität bewahren, aber auch Anstoss zur Überwindung und zur Suche nach Neuem sind. Als eigentlicher Grenzgänger zwischen den Kulturen pendelt er zwischen Grönland und Mexiko, China und Spanien, zwischen Landstrichen, in denen menschliche Präsenz nur zu erahnen ist, und Städten, aus denen die Natur fast gänzlich verbannt wurde. Er richtet seinen Blick auf ganz bestimmte Konstellationen von Objekten, Strukturen oder Bauten, mit denen die Menschen ihre Lebensräume «möblieren»: absurde Baugerüste, provisorische Behausungen, verdichtete Wohnblocks, ausufernde Siedlungen und zeitlose Ruinen – Fremdkörper, am Übergang zwischen Nutzung und Zerfall, wie zufällig abgestellte oder vergessene «Container», von denen weder er noch der Betrachter wissen, welchen Inhalt sie bergen oder welchem Gebrauch sie dienen. Oft erscheinen sie in einer atmosphärischen Leere, in der sie durch ihre Strukturen und Formen eine oberflächliche Ähnlichkeit und eine innere, rätselhafte Verwandtschaft offenbaren. Sie sind da und warten, wie Tettamanti sagt, bis ihre unscheinbaren Details durch eine sinnliche Qualität des Lichts auf suggestive Art zu sprechen beginnen. Joël Tettamanti gibt keine Erklärungen. Er will die Welt nicht nur anders sehen, sondern eine vielleicht unwirkliche andere – und doch unsere – Welt entdecken. Eine Welt, die sich ständig verändert.

Auch technisch arbeitet Tettamanti hart an der Grenze: Einerseits fotografiert er langsam und äusserst präzise, benutzt wie die Fotografen des 19. Jahrhunderts eine Grossformatkamera mit Stativ und arbeitet oft mit sehr langen Belichtungszeiten sowie konventionellem 4x5-inch Farbnegativmaterial. Und andererseits katapultiert er die Bilder nach der Filmentwicklung durch eine hochauflösende Digitalisierung ins 21. Jahrhundert, wo sie als elektronische Datensätze Teile unserer modernen, virtuellen Bildkultur werden.

Die Ausstellung «Local Studies» wurde inspiriert durch Joël Tettamantis gleichnamiges Buch, das in Zusammenarbeit mit dem Musée d'Art Moderne (MUDAM), Luxemburg, entstanden und 2006 bei der Edition etc, Berlin, herausgekommen ist. Neben darin publizierten Aufnahmen zeigt die Ausstellung eine Vielzahl neuerer Arbeiten. Sie ist die erste umfassende Präsentation von Tettamantis fotografischem Werk in der Schweiz.

Martin Gasser

Aus der Studie "Ondarribi",
Frankreich und Spanien, 2003
© Joël Tettamanti

Aus der Studie "Cols alpins",
Schweiz, 2001
© Joël Tettamanti

Aus der Studie "Qaqortoq",
Grönland, 2004
© Joël Tettamanti

Aus der Studie "Harajuku",
Japan, 2005
© Joël Tettamanti

Publikation zur Ausstellung:
Joël Tettamanti, Local Studies, Edition etc, Berlin 2006, 224 S., mit einem Glossar mit Texten des Künstlers sowie weiterer Autoren (vergriffen).