Hans Baumgartner, Zaungäste am Pfingstrennen, Frauenfeld 1936.

Hugues de Wurstemberger – Pauline & Pierre

2 Oktober 2010 bis 13 Februar 2011

  

Hugues de Wurstemberger (*1955), der seit über dreissig Jahren in Brüssel lebende Schweizer Fotograf, wurde bereits 1994 mit einer Reportage über die Westsahara im Fotomuseum Winterthur vorgestellt; auch sein Werk Paysans (1996) ist vielen ein Begriff. Das 2005 in Brüssel veröffentlichte Buch Pauline et Pierre fand hingegen in der Schweiz bis jetzt nur wenig Beachtung. Die Fotostiftung Schweiz freut sich, dieses Schlüsselwerk nun einem breiten Publikum zugänglich zu machen.

Pauline, Wald von Broceliande, 1989
© Hugues de Wurstemberger

Pierre, 1995
© Hugues de Wurstemberger

Erst ein Buch, dann eine Ausstellung: Pauline & Pierre ist zweifelsohne jene Arbeit, die Hugues de Wurstemberger – oder H2W, wie er sich selber nennt – am längsten beschäftigte. Was er als eine «lückenhafte Chronik seiner Familie», vor allem seiner Kinder, bezeichnet, entstand im trägen Verlauf von Tagen, die sich allmählich zu Wochen, Monaten und Jahren vermehrten. Das Ergebnis ist eine fragmentarische Erzählung – ein ständiges Hin und Her zwischen seinen beiden Kindern, ihrer Mutter und ihrer Grossmutter, aber auch zwischen Meer und Bergen, zwischen der Welt des Wassers und jener der Pflanzen und Steine. Die Idee zu dieser fotografischen Chronik keimte Ende der 80er-Jahre, um die Zeit der Geburt von Pauline, nachdem sich der Fotograf von seiner ersten grossen Arbeit über die Päpstliche Schweizergarde gelöst hatte. Sie ist auch eine Erinnerung an François, den in den Bergen verschollenen Neffen, und nährt sich am Zyklus von Leben und Tod. Zu jener Zeit arbeitete H2W an einem grossen Projekt über die Bauern der Freiburger Voralpen, das 1996 in das bereits erwähnte Buch Paysans mündete – ein Projekt, das ihn später auch nach Frankreich in die Somme, nach Südportugal und in die Trockengebiete Äthiopiens führte. Da er damals den grössten Teil seiner Zeit entweder für Reportagen in der «überbelichteten Wüste» Afrikas oder im «Koma der Dunkelkammer» verbrachte, entstand der Wunsch, etwas zu unternehmen, um wenigstens die Spuren seines Familienlebens zu sichern. So entstanden Bilder, die sozusagen den zu häufigen Abwesenheiten, dem Mangel und der Trennung zu verdanken sind.

Val d’Hérens, 1984
© Hugues de Wurstemberger

Porto, 1989
© Hugues de Wurstemberger

Als Mitglied der ersten Stunde der Agentur VU' und bis anhin eher mit Themen der Rubrik Internationales vertraut, überrascht uns der Fotoreporter in Pauline & Pierre mit dem Eintauchen in die Privatsphäre. Doch genau betrachtet, nimmt das Autobiografische auch in den anderen Arbeiten von H2W einen wichtigen Platz ein. So erzählt er, wie er an einem Sommertag 1977 Fotograf wurde, als er seine Mutter und seine Schwester in einer Blumenwiese der Greyerzer Berge fotografierte. Ob Dichtung oder Wahrheit – die Anekdote spricht zwei Aspekte an, die für sein späteres Werk bestimmend sein sollten: die Familie und die Landschaften. Rund zehn Jahre später wiederholt er in Pauline et Pierre: «1977 verlasse ich Fribourg mit einigen Bildern meiner Mutter und von Landschaften, die mir lieb waren.»

Pauline und Pierre, 1996
© Hugues de Wurstemberger

Wie bei der amerikanischen Fotografin Sally Mann sind auch für H2W die Mitglieder seiner Familie und seinunmittelbarer Lebensraum zentral. Während aber Sally Mann diese Themenbereiche eher separat in einzelnen Arbeiten darstellt (Immediate Family / Motherland, Deep South), verbindet sie H2W, bringt sie in einen Dialog oder konfrontiert sie miteinander. Ob es sich um Bauern oder um seine Familie handelt, der Fotograf vermischt Porträts und Landschaften so, dass die Verankerung der Individuen in ihrem Lebensraum betont wird. Ihre Identität beruht auf ihrer Beziehung zum persönlichem Umfeld. Die Reportagen von H2W über den Kampf der Sahrauis, der äthiopischen, sambischen oder freiburgischen Bauern um ihr Land, widerspiegeln stets auch Aspekte der eigenen Familiengeschichte. Etwa, dass der Vater des Fotografen, ein seinerzeit mit der Familie in Algerien lebender, der Sufi-Kultur nahe stehender Agraringenieur, 1962 alles hinter sich lassen musste. H2W erinnert sich in Pauline et Pierre: «Die Familie flüchtet. (…) Am Hafen pfeift ganz Marseille die Algerienfranzosen aus. Wir haben alles verloren, wir kehren zu Fuss zurück. Zum Glück.» Allerdings, denn: «Auf den Wiesen des ‹Pays d'en-Haut› lässt sich gut ein Schläfchen halten,» bekennt der Fotograf und fügt an: «Schon lange, bevor ich mit dem Fotografieren begonnen habe, kraxelte man [in diesen Bergen] herum». «Kraxeln» sagt er, auf einen sinnlichen, fast körperlich engen Kontakt mit der Erde anspielend, einer Erde, die er in sich trägt und die einen wichtigen Teil seiner Identität darstellt.

Bei H2W wird aber das Autobiographische nicht zu einer Inszenierung seiner selbst (wenn, dann nur flüchtig), ihn beschäftigt vielmehr sein unmittelbares Umfeld. Schon sein Bericht über das Leben in der Schweizergarde ist eine Art Tagebuch, eine subjektive visuelle Dokumentation aus dem Innern dieser Institution. Pauline & Pierre, sein «Heft mit der Zeit entrissenen Notizen», beginnt ähnlich: Der Erzählstrang erfasst Menschen in ungezwungenen und lockeren Momenten, aber auch in Augenblicken extremer Intensität, des Jubels oder der Langeweile – ohne einer strengen Chronologie zu folgen. Die Fotografien drücken sowohl den Bedarf nach Nähe als auch den Wunsch nach Unabhängigkeit, aber auch nach Schutz, Abkapselung, Entfaltung und Vergehen aus. Kinder wie Erwachsene erscheinen versunken in Kontemplationen, Träumereien oder irgendwelchen Betrachtungen. Bisweilen entziehen sich die Gesichter unserem Blick. Verschwommene Silhouetten und traumhafte Geisterbilder sind Ausdruck flüchtiger oder fragiler Identitäten. Einige der Fotografien von H2W sind in ein unheimliches Licht getaucht und beschwören die rätselhafte und vieldeutige Welt der Märchen herauf; andere wiederum erkunden die kindliche Welt mit ihren Spielen, in denen sich Kostümierung und Vorstellungswelt vermischen oder sich grausame Geschichten von Bestrafung, Tod und Auferstehung miteinander verweben. Der Fluss der Zeit, Zerfall und Endlichkeit kontrastieren mit der Beständigkeit von Erde und Gestein. Die Landschaften schliesslich – Felswände oder Berge, Kanäle, Teiche, mysteriöses Unterholz oder fantastische Wälder – widerspiegeln die Verletzlichkeit der menschlichen Schicksale oder stellen deren Vergänglichkeit ihr Weiterbestehen und ihre kühle Unveränderlichkeit gegenüber.

Pauline et Pierre erinnert auch an eine ABC-Fibel, mit den Bezügen zur Kindheit und der damit verbundenen spielerischen Suche nach Worten und ihren bildhaften Darstellungen – ein Versuch, Ordnung in das Wirrwarr der Gedanken, Worte und Dinge zu bringen. Seine oftmals engen Bildausschnitte, die das Motiv ins Zentrum rücken, und Kompositionen, die mit klaren Linien spielen, drücken den Wunsch nach einfacher Benennung aus: der Knabe, das Mädchen, der Pilz, die Schaukel, der Vogel.

Brüssel, 1997
© Hugues de Wurstemberger

Wir sind uns gewohnt, dass Fotografen und Künstler uns Teile ihres Privatlebens preisgeben und dazu absichtlich amateurhafte Bilder schiessen und vorgeben, die Technik nicht zu beherrschen, um authentischer zu wirken. H2W hat bereits seit langem einen diametral entgegengesetzten Ansatz gewählt. Seine Fotografien erlangen ihre Wahrhaftigkeit aus ihrem Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Durch seine konsequente Wahl des quadratischen Formats und den Verzicht auf die Farbe vermeidet er alles Anekdotische. Der chaotische und vergängliche Familienalltag gewinnt auf diese Weise eine Stabilität und Ordnung, die ihm eigentlich fremd sind. Und die Harmonie der Grauabstufungen nimmt der Realität ihre Schärfen und Misstöne. Daraus entsteht eine fast archetypische Vision, eine Idealvorstellung der Kindheit und der Familie. Jede Fotografie steht als Bild für sich, birgt seine eigene Geschichte und ist doch im Dialog mit den anderen. Der grosse Reichtum an Grautönen zwingt zu einer langsamen Lektüre des Bildes, bei dem der Betrachter in die Materien eintaucht und das visuelle Erlebnis des Fotografen noch einmal nacherlebt. Mit den Worten des Fotokritikers Michel Guerrin: «Bei diesen Fotografien fällt auf, dass es sich um eine körperliche Arbeit handelt, nicht um eine athletische Spitzenleistung, sondern um eine Art, dezidiert auf die Körper, Stoffe, Landschaften, die Umgebung einzugehen.»

Hugues de Wurstemberger ist stets auf der Suche nach einem Augenblick der Anmut, nach Bildern, die über den unspektakulären Moment hinausgehen, indem sie diesen in einen grösseren Zusammenhang übertragen: die Kindheit und die Familie von Pauline und Pierre, die auch ein wenig unsere Kindheit und Familie sein könnten – oder wenigstens die, die wir uns gewünscht hätten.

Sylvie Henguely

Aus dem Französischen von Barbara Horber