Am 4. Mai 1971 wurde in Zürich die «Stiftung für die Photographie» gegründet – mit dem Ziel, wichtige Werke der Schweizer Fotografie «dem Vergessen zu entreissen und der Öffentlichkeit in Ausstellungen, Büchern, Zeitschriften, Zeitungen, Filmen, im Fernsehen und auf andere Weise zugänglich zu machen», wie es in der Stiftungsurkunde heisst. Was heute selbstverständlich erscheint, war damals eine Pioniertat, denn bis dahin hatte sich in der Schweiz niemand ernsthaft um die Erhaltung, die Erforschung oder das Ausstellen von Fotografien gekümmert. Die Gründer der ältesten Schweizer Fotoinstitution waren Personen, die beruflich mit Bildern arbeiteten und in der Fotografie ein Schlüsselmedium unseres visuellen Zeitalters erkannten – im Alltag, für die Medien, in der Werbung, in der Kunst und für die Wissenschaften.
Bereits mit ihrem ersten grossen Ausstellungs- und Buchprojekt «Photographie in der Schweiz von 1840 bis heute» (1974) betrat die junge Stiftung Neuland: erstmals wurden die fotohistorischen Entwicklungslinien sichtbar, die der Schweiz eine reichhaltige Fotokultur und eine Fülle herausragender Werke beschert hatten. Bald darauf konnte die Stiftung im Kunsthaus Zürich Räumlichkeiten beziehen und ihre Aktivitäten entfalten – ihre erste Ausstellung war Robert Frank gewidmet. Unter der Leitung von Walter Binder und Rosellina Burri-Bischof (bis 1985) wurden weit über 100 Ausstellungen organisiert, einige davon – wie die grosse Übersichtsausstellung zur Schweizer Fotografie – waren während Jahren in der ganzen Welt unterwegs. Daneben wurden eine repräsentative Sammlung aufgebaut, Nachlässe und Archive gesichert und zahlreiche Publikationen erarbeitet. Dank ihrer nationalen Ausrichtung wurde die Stiftung auch schon früh von der Eidgenossenschaft als eine für das fotografische Erbe unentbehrliche Institution anerkannt und mit Subventionen gefördert; ab 1989 durfte sie sich «Schweizerische Stiftung für die Photographie» nennen.
1998 trat der langjährige Geschäftsführer Walter Binder zurück. Seither leiten Peter Pfrunder und Martin Gasser die Institution, die ihren Sitz 2003 nach Winterthur verlegte und inzwischen auch unter dem Kurznamen «Fotostiftung Schweiz» auftritt. Der Ortswechsel war nötig geworden, weil die Räumlichkeiten im Kunsthaus Zürich für die stark gewachsene Sammlung zu eng geworden waren und die Stiftung ihre Tätigkeiten – vom Archivieren bis zum Ausstellen, von der Forschung bis zur Lehrtätigkeit – unter dem Dach einer reinen Kunst-Institution nicht mehr weiter entfalten konnte. Zudem bot sich dank der Unterstützung durch die Volkart-Stiftung die Gelegenheit, zusammen mit dem Fotomuseum Winterthur auf einem freigewordenen Industrieareal ein eigenes Domizil zu errichten. Entscheidend für die Neupositionierung der Fotostiftung Schweiz war jedoch die Bereitschaft der Eidgenossenschaft, die Stiftung als Hauptpartner des Bundes im Bereich der Fotografie zu anerkennen und die Subventionen deutlich zu erhöhen.
Dass es sich bei dem neu entstandenen, von Fotostiftung Schweiz und Fotomuseum Winterthur gemeinsam betriebenen Zentrum für Fotografie um ein Erfolgsmodell handelt, zeigt sich nicht nur am grossen Publikumsinteresse, sondern auch an der Tatsache, dass immer mehr Fotografinnen und Fotografen ihre Werke zur langfristigen Betreuung der Fotostiftung Schweiz anvertrauen. Gerade im Verbund mit dem Fotomuseum hat die Fotostiftung auch eine internationale Ausstrahlung erlangt, die sich unter anderem in Kooperationen mit Museen in ganz Europa spiegelt.
Peter Pfrunder


