Jean Moeglé, Berner Bäuerin, um 1890

Fotostiftung Schweiz, Winterthur, 26. Februar bis 15. Mai 2011
Vernissage: 25. Februar, 18-21 Uhr

«Plötzlich hat die Kamera tausend Augen. Linsen fügen sich vernetzt zu einer einzigen, ständig fotografierenden Kamera, der heimische Bildschirm ist der Sucher, die Maus der Fänger, die Webcam das Objektiv.» (Kurt Caviezel)

Fish, 2010 © Kurt Caviezel

Kurt Caviezel, 1964 in Chur geboren, fotografiert die Welt mittels öffentlich zugänglicher Webcams. Er bewegt sich also nicht wie ein konventioneller Fotograf mit einer Kamera am Auge in einem bestimmten Umfeld und hält den «entscheidenden Augenblick» im Fluss des realen Geschehens fest. Sondern er sitzt zu Hause am Computer, «flaniert» per Mausklick durch das ganze Internet und sammelt Bilder, die für kurze Zeit auf seinem Bildschirm aufscheinen, bevor sie von nachfolgenden wieder überschrieben werden. Es sind Bilder aus sämtlichen Lebensbereichen zwischen der normalerweise durch die eigenen vier Wände geschützten Privatsphäre und den aus Gründen der öffentlichen Sicherheit überwachten Aussenräumen; voraussehbare Bilder ebenso wie völlig überraschende Bilder.

Still life with a pipe 5, 2009 © Kurt Caviezel

Was Kurt Caviezel am Bildschirm beobachtet und auf der Festplatte seines Computers speichert, sind Ausschnitte aus einem unendlichen Bilderfluss, der von Tausenden von über den ganzen Globus verteilten Webcams produziert wird. Dieser suggeriert eine globale Perspektive und gibt vor, alle Ecken der Welt auszuleuchten; in Tat und Wahrheit liefert er aber nur ein lückenhaftes, manchmal zeitlich verzögertes und mit einer ganzen Anzahl von Störphänomenen behaftetes Bild der Welt.

Portrait 29, 2009 © Kurt Caviezel
Still life with two cement trucks, 2009 © Kurt Caviezel

Auch wenn sich Kurt Caviezel selbst nie am Ort der Aufnahme dieser Webcam-Bilder befunden hat, so tragen die Werke in der Ausstellung doch seine unverwechselbare künstlerische Handschrift. Caviezel arbeitet gleichsam als Monteur einer bereits als Bild vorgefundenen Welt, nicht ungleich jenen Künstlern, die schon in den 1920er Jahren mit «found images» aus gedruckten Massenmedien neue Bildwelten formten. Er präsentiert uns eine Auswahl von Einzelbildern als Tableaus und grössere, serielle Werkgruppen zu Themen wie Alltag (von Putzen, Essen, Rauchen bis Gähnen und Schlafen), Porträt und Selbstporträt (zu Hause vor dem Bildschirm oder als Schatten der Webcam selbst), Strassenfotografie (Verkehrskontrolle), Reportage («on the road» in Amerika), Tierdarstellung (vom Fisch im Schaufenster bis zum Hirsch auf dem Bett) und Überwachung, vermischt mit individuellen Botschaften (wie «Hallo Zottel» oder «Miss you») und beeinträchtigt durch elektronische Übertragungsfehler, die als «schöne Unordnungen» (Caviezel) die mediatisierte Wahrnehmung der Welt überlagern und ein irritierendes Eigenleben entwickeln.

Insect 14, 2009 © Kurt Caviezel
No video 16, 2006 © Kurt Caviezel

Als Kontrapunkt zu diesen bewusst gesetzten Standbildern oder Stills zeigt Caviezel eine Reihe von bewegten Sequenzen als Videoprojektionen, in denen er uns eigentlich vertraute Bild- und Zeiträume verfremdet und ad absurdum führt. Stilmittel wie Zeitraffer, Überblendung, harte Schnitte oder epische Dehnung bringen etwa Eiszapfen zum Tanzen, lassen eine unendliche Bildergeschichte um ein rotes Auto kreisen, reduzieren das elegante Schweben einer Seilbahn auf ein ruckartiges Rauf und Runter, oder verhelfen einem geblümten Vorhang zu einem kaum wahrnehmbaren Wiegen im Wind. Ein fast Schwindel erregendes Panoptikum von Webcambildern – in klassischer Manier aus Einzelbildern zusammenmontiert –, das den Betrachter sofort in seinen Bann zieht.  

Kurt Caviezels ausgeklügelte Strategien der Auswahl, der Zusammenstellung und der Präsentation zeigen, dass in den via Internet heruntergeladenen Bilder ein überraschendes, zuweilen surreales oder gar subversives ästhetisches Potenzial steckt, das neue Arten der Bildproduktion genauso hinterfragt wie das Konsumieren von Bildern, sei es im Internet oder in einer Ausstellung. Darüber hinaus reflektieren sie auf spielerische  Weise unser heutiges Dasein im paradoxen Spannungsfeld von Exhibitionismus und Überwachung.
Martin Gasser

Street 9, 2001–2010 (8) © Kurt Caviezel
Drops 18, 2008 © Kurt Caviezel

Mit Unterstützung des Bundesamtes für Kultur, der Steo-Stiftung, Küsnacht, der SWISSLOS / Kulturförderung, Kanton Graubünden, der Ernst Göhner Stiftung sowie des Vereins Freunde der Fotostiftung Schweiz

Künstlergespräch mit Kurt Caviezel in der Ausstellung, moderiert von Martin Gasser, Sonntag, 27. Februar 2011, 11.30 Uhr

Der Künstler

Kurt Caviezel, 1964 geboren in Chur, lebt und arbeitet als freischaffender Künstler in Zürich (www.kurtcaviezel.ch) 

  • Manor-Kunstpreis 2002
  • Anerkennungspreis der UBS Kulturstiftung 2010
Publikationen
  • Kurt Caviezel, Red Light, Edition Patrick Frey, Zürich 1999
  • Kurt Caviezel, Points of View, Publikation zur Vergabe des Manor-Kunstpreises 2002, Edition Howeg Zürich 2002, mit Texten von Ulrich Binder und Beat Stutzer